Die Berühmtheit mancher Zeitgenossen hängt mit der Blödheit der Bewunderer zusammen.(Heiner Geißler)

Und: Boing!

Gleichberechtigung Und: Boing!

Frauen scheitern beim Aufstieg im Beruf – an der »Glasdecke«, heißt es. Was könnte damit gemeint sein? Eine Spurensuche

Dies ist eine Übung für die Pause am Arbeitsplatz. Man lehne sich zurück. Kopf in den Nacken, Nase nach oben. Was sieht man? Raufaser? Lampen? Plastikdeckenquadrate? Und sonst: Nichts? Gar nichts? Das ist erstaunlich, irgendwo über den Arbeitsplätzen dieser Republik muss sie sein, die Glasdecke, die oft herbeizitierte, die schreckliche Glasdecke, an der aufstiegshungrige Frauen immer und ewig scheitern.

»Was wird aus einer jungen Frau, die die besten Voraussetzungen mitbringt, in der Wirtschaft eine große Karriere zu machen?«, fragte neulich ein Autor der Süddeutschen Zeitung. »Wird sie es schaffen? Oder wird sie gegen gläserne Decken stoßen?«

In der Tageszeitung der erschreckte Ausruf: »Gläserne Decke spät erkannt!«

Also wo ist sie, die gläserne Decke?

Die Glasdecke ist die große Unsichtbare im Kampf der Geschlechter, eine mysteriöse Gestalt in diesem Gerangel um Einfluss, Macht und Geld. Klar: Glas ist ja sehr durchsichtig. Der zitierte Zeitungsartikel, Autor: männlich, bebt vor Sorge um eine Helena, die sich auf den Weg nach oben gemacht hat, welche Gefahr! Diese schreckliche Decke! Niemand will sie. Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, spricht von der »beschämenden Ungleichheit zwischen Frauen und Männern«. Viele Leute fordern die Quote, als Vorschlaghammer, um Glasdecken zu zertrümmern, die verhindern, dass mehr als drei Prozent Frauen in die oberen Chefetagen der großen Unternehmen gelangen. Vor Weihnachten der Berliner Aufruf namhafter Politikerinnen, jetzt in Hamburg die Initiative Pro Quote, vor drei Wochen waren es rund 1.000 Journalistinnen, heute sind es schon fast 3.000, die eine Quote in den Medien fordern, es ist eine Woge, für diese Woche droht EU-Abgeordnete Viviane Reding in Brüssel mit einem Gesetzesentwurf, der eine Quote europaweit verbindlich macht – strafbewehrt. Aber was hilft es, wenn die Quote da ist – und niemand weiß, wo die verdammte Glasdecke ist, gegen die sie sich wendet?

  • Für eine Frauenquote
  • Gegen eine Frauenquote
  • Es geht um Chancengleichheit und Gleichberechtigung: Frauen stellen die Hälfte der Bevölkerung und sie sind genauso gut ausgebildet wie Männer.
  • Unternehmen, deren Führungsspitze aus Männern und Frauen besteht, erzielen bessere Ergebnisse.
  • Ein Großteil der Kaufentscheidungen wird von Frauen getroffen.
  • Durch einen höheren Frauenanteil verbessert sich das Betriebsklima, die von Männern geprägten Spielregeln in Kommunikation und Karriereverhalten ändern sich mit mehr Frauen an der Spitze.
  • Männer fördern eher Männer – und weil die Führungspositionen überwiegend mit Männern besetzt sind, rücken Frauen bei der Besetzung der Spitzenposten weniger ins Blickfeld. Es handelt sich um ein sich selbst erhaltendes System.
  • Frauen sind aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisierung oft nicht so stark darin, ihre Stärken und Erfolge zu kommunizieren. Sie machen weniger stark auf sich aufmerksam.
  • Es gibt viele Karrierenetzwerke und Eliteclubs, zu denen nur Männer Zutritt haben. Hier findet informelles Mentoring statt und hier werden die entscheidenden Karrierekontakte gemacht. Weil Frauen keinen oder nur schwer Zugang zu den Männernetzwerken haben, können sie von den Netzwerken kaum profitieren.

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Frauen der fünfziger Jahre wussten unter ihrer Dauerwelle, warum sie beruflich nicht weitergekommen waren. Sie hatten in der Regel gar keinen Beruf, die meisten nicht mal eine Ausbildung, die sie zu einem guten Arbeitsplatz berechtigt hätte. Das wurde dann schnell anders.

Im Jahre 1953 machten rund 4.000 Frauen einen Hochschulabschluss. Zwanzig Jahre später waren es rund sechsmal so viel: 27.625 Frauen. Weitere zehn Jahre später hatte sich diese Zahl fast verdoppelt, über 50.000 Frauen strömten jetzt jedes Jahr aus den Universitäten, seit 2003 fluten jedes Jahr weit über hunderttausend Frauen auf den gehobenen Arbeitsmarkt, wo also sind sie? Wie kann man so viele Frauen unter der Decke halten? Unsichtbar, unter Glas?

Glas ist natürlich ein frauenaffines Material. Blitzende Glasscheiben waren schon zu meiner Mutter Zeiten der Inbegriff der schönen Frauenwelt. Man ging durch die Siedlung und sah am Glanz der Scheiben, wo eine streifenfrei putzte. Gewienerte Glasscheiben wirkten in der westlichen Welt wie die geschnitzten Paravents im Orient, sie hielten Frauen im Haus. Die Glasdecke, welche nach oben die Absperrung einer männlichen Arbeitszone sicherstellt, hat einen ähnlichen Haremseffekt – Frauen bleiben, wo sie (gefühlt) hingehören (unten).

Das Bild der Glasdecke ist ein Bild von ergreifender Harmlosigkeit. Riecht nicht, wirkt so sauber. Obwohl doch seit Jahren Frauenköpfe dagegenkrachen, da müsste Geschmiere von Lippenstift sein, tieftraurigschwarze Mascara vom ewigen Anstoßen so vieler hoffnungsvoll nach oben gerichteter Frauengesichter sein. Glas ist gefühllos.

Glas ist eine unerbittliche Härte eigen. Die Glasdecke suggeriert eine materialimmanente Abwehr, für die niemand etwas kann. Alle bemühen sich doch. Auch Männer. Gerade die männliche Führungskraft. Scheitert jeden Tag im Bemühen, Frauen für Führungspositionen zu rekrutieren. Die Berichte über ihre Anstrengung sind eine klagende Melodie, die den Nichtaufstieg von Frauen begleitet. Man findet keine! Keine will! Oberhalb der Glasdecke ist so viel Licht, dass es die Aspirationen und Leistungen von Frauen wegspiegelt. Die Glasdecke ist natürlich auch eine Drohung, die sagt: Vorsicht! Aufknallgefahr!

Die Glasdecke ist die entpersonalisierte Abwehr. Architekt? Hmmm. Die Glasdecke ist eine ganz durchsichtige Entschuldigung für blickdicht gewebte Vorgänge, die der Abwehr aufstiegsorientierter Frauen dienen. Wie sich das dann auswirkt, lässt sich besonders gut in den Medien zeigen. Nehmen wir den Montag nach dem schönen Sonntag, an dem der neue Bundespräsident gewählt wurde.

Im Feuilleton der FAZ erschien ein bemerkenswerter Artikel über das Phänomen Gauck, bemerkenswert auch, weil Regina Mönch ihn geschrieben hatte, Regina!, weiblich. In der Frankfurter Rundschau – von sechs Beiträgen einer aus Frauenfeder. Die Kommentare im Tagesspiegel, in der taz, in der Berliner Zeitung, im Handelsblatt, in der Welt, in der Neuen Zürcher Zeitung, auf den ersten Seiten auch der Süddeutschen Zeitung – fast ausschließlich Männer. Männer spiegeln eine Männerwelt. Nicht nur montags. Noch ein Blick ins Impressum: Es mag zehn Ressorts geben oder 18 leitende Redakteure, einen oder drei Chefredakteure – Frauen sind offensichtlich nur in homöopathischen Dosen verträglich.

Die Verteidigung der Männerquotenzone darf man sich nicht so einfach vorstellen. Als Strategie der Abwehr von Frauen hat sich bewährt – die Förderung junger Frauen. Ein schönes Projekt. Junge Frauen fühlen sich großartig, der Förderer strahlt im Kreise junger Talente. Man muss auf diese besondere Tonlage lauschen, hier über Helena: »Hinter ihrem Café Crème wirkt sie zierlich, aber keineswegs zerbrechlich. Auf eine trainierte Weise ist sie reif und besonnen. Manchmal sucht man dahinter das junge Mädchen.«

Die Förderung junger Frauen ist ein sehr altes Projekt. Der irische Autor G.B. Shaw hat 1913 darüber eine Komödie geschrieben: Pygmalion. Eine junge Eliza wird von einem Professor Higgins gefördert, von einem Entlein bis zum Schwan, nach ihrem betörenden Auftritt (Pygmalion-Effekt!) rieselt die Anerkennung, auf Higgins, nicht Eliza, einer heult, nun, nicht Higgins.

Würde das Projekt der Förderung junger Frauen irgendwohin führen, etwa zur Beförderung von Frauen in Führungspositionen, würden Männer längst um eine Männerquote barmen. Ist aber nicht so. Warum? Weil sich die Förderung junger Frauen nach dem Muster der Lemniskate vollzieht. Diese Figur hat die Gestalt einer liegenden Ziffer 8, ihr ist die Eigenschaft zu eigen, dass sie kein Ziel findet, warum: weil sie keines hat, weshalb sie auch ein Zeichen für Unendlichkeit ist. Männer legen sich also in die Kurve und fördern, Frauen fliegen aus dieser Kurve. Männer merken das kaum, sie fördern ja fleißig. Frauen merken es. Plötzlich, über Nacht – ist aus der jungen Frau eine nicht mehr ganz so junge Frau geworden.

Wie konnte das passieren? Gestern wirkte sie noch so kess, heute – altklug. Gestern galt sie als frisch, heute – als penetrant. Warum? Eine Autorin hat im New Yorker den Effekt der Förder-Rückentwicklungszone für die nicht mehr ganz junge Frau beschrieben: »Nobody wants to fuck her, so why does she keep on talking?« – Keiner will sie vögeln, warum hält sie nicht mal die Klappe?

Solche Sprüche wandern von Frau zu Frau, unter Gelächter und Gekicher. Nicht immer ist es ja lustig. Es ist viel beschrieben worden, wie die Unzufriedenheit in der deutschen Hausfraumutter gärt, die auf den Erpressungszusammenhang von fehlenden Krippenplätzen und Halbtagsschulen mit der Aufgabe ihres Jobs reagierte und sich dann nicht geschätzt fühlt. Unerforscht ist, was es für Frauen bedeutet, die ihren Beruf nicht aufgegeben haben, womöglich auf Kinder verzichteten – und dann: Aus die Maus!

Neulich wagte es eine Frau zu reden, es war die frühere Gesundheitsministerin Andrea Fischer, die in einer TV-Dokumentation von Mobbing erzählte. Über die Ausgrenzung. Die heimliche Diffamierung, diese Andeutungen von: so emotional, diese Frau, überfordert, hysterisch. Wie die Jungs ein Rudel bildeten, Fischer sagte, es habe gedauert, bis sie sich davon erholt hatte.

Was hatte zur Hatz gereizt? Nun, unter einer Glasdecke herrscht tropisches Klima. Dort wuchern die Dinge, etwa die Bedeutung des Geschlechts. Das Geschlecht hat viele Vorteile, für Frauen modische, für Männer sportliche, ob man Bach mag, Picasso oder Rotwein, ist aber geschlechtsneutral. Am Arbeitsplatz nur erreicht das Geschlecht eine aberwitzige Dimension.

Frauen können klug sein, gebildet – nichts kann den Effekt ihres Geschlechts überragen. Eine Frau kann weiblich auftreten – wovon Karriereberater abraten – oder nicht, in beiden Fällen ist sie ihrem Geschlecht ausgeliefert: als weiblich gebrandmarkt oder als unweiblich verlacht.

Ein Mann muss noch nicht mal männlich wirken, um als Mann durchzugehen, etwa durch die Luke in der Glasdecke nach oben. Was aber bedeutet es für eine Frau, für ihr Verhältnis zu ihrem Geschlecht, dass sich gerade ihre Weiblichkeit als so nachteilig erweist?

Dagegen hilft natürlich eine Geschlechtertransformation. Wo ist Frau Merkel?, fragte ein Fernsehsender neulich und schickte seine Kamera auf Erkundungstour durch einen Wald schwarzer Hosenbeine. Vielleicht diese kleinen Stempel? Ha, das sind die von Sarkozy!

Humor hilft immer, keine Frage. Aber eine politische Lösung ist das noch nicht.

http://www.zeit.de/2012/14/Glaeserne-Decke

 

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